In der Berliner S-Bahn sind viele Menschen. Sehr viele. Nein im Ernst, manchmal kann ich die S-Bahn verstehen dass sie keinen Bock mehr hat und eine Stellwerkstörung, einen Kabelbrand, einen Kabeldiebstahl oder einfach nur Kaputtsein vorschiebt, um nicht zur Arbeit fahren zu müssen (Auch wenn das in Berlin so oft vorkommt, dass einem manchmal die Kinnlade runterklappt, wenn dann – tatsächlich- nach einem sanften dröhnen die S-Bahn doch noch im Gebüsch auftaucht). Die Menschen riechen komisch, sie labern Zeug, sie fassen alles an und wenn ein Baby schreit und die arme Mutter mit verzweifeltem Blick versucht es zu beruhigen, gucken sie teils genervt und teils mitleidig und teils gar nicht, weil sie nach jahrelangem Aushalten dieses Theaters so abgestumpft sind, dass neben ihnen ein Düsenjet starten könnte ohne dass sie es mitkriegen.

Nicht so meine Wenigkeit. Meine neurotisch geprägte Wahrnehmung macht es mir unmöglich, auch nur eine klitzekleine Reizung meiner Nase oder meiner Ohren unbemerkt wegzustecken. Nein, alles löst entweder Ärger oder Ekel oder Mitleid oder alles zusammen aus. Und wenn ich dann schlussendlich nach 10 Minuten endloser Fahrt aus dem überfüllten Zug wie aus einer Zahnpastatube hinausgequetscht werde, ist mein Nervensystem derart überlastet, das selbst das Aufsetzen von Wasser für eine bescheidene Mahlzeit eine unerhörte Anstrengung darstellt, die den Rest des Abends in Anspruch nimmt. Und am nächsten Tag geht alles wieder von vorne los.

Und trotzdem lebe ich jetzt schon eine ganze Weile in dieser hier. Das tägliche Bahntheater hat nicht gereicht um mich zu vertreiben, ebenso wenig wie der Müll auf der Straße oder mein Nachbar, der regelmäßig um fünf Uhr morgens ein Trommelkonzert mit seinen Füßen veranstaltet, was in einem hölzernen Altbau gerne mal die Möbel zum Beben bringt. Denn für eine gewisse Zeit kann man der Stadt einiges abgewinnen.

Foto: © holzsteg

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